Johannes Auer ::: free lutz! ::: Live-Performance ::: Montreal

 

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free lutz!


1959 / 2009

Vor genau 50 Jahren wurde weltweit zum erstenmal versucht, mit einem Computer zu dichten. Und das war in Stuttgart, meiner Heimatstadt. Theo Lutz lies 1959 die Großrechenanlage Zuse Z 22 stochastische (also zufallsbasierte) Texte schreiben.
Auf Anraten des Stuttgarter Philosophen Max Bense hatte er dazu 16 Substantive und 16 Adjektive aus Kafkas Schloss ausgewählt. Also einen literarischen Wortschatz, den die Rechenanlage nach bestimmten Regeln zu Sätzen montierte. So begann jeder Satz mit ein, jeder oder der entsprechenden verneinenden Form kein, nicht jeder. Dann wurde das Substantiv - zufällig ausgewählt aus dem Pool der 16 - durch das Verb „ist“ mit einem ebenfalls zufällig ausgewählten Adjektive verknüpft. Und das gleiche noch einmal verbunden durch und, oder, so gilt oder abgeschlossen mit einem Punkt. Mit dieser Rechenanweisung, mit diesem Algorithmus konnte die Maschine nach dem Zufallsprinzip also Sätze bilden wie

EIN TAG IST TIEF UND JEDES HAUS IST FERN
JEDES DORF IST DUNKEL, SO GILT KEIN GAST IST GROSS


Ich habe dieses Programm von Theo Lutz für das Internet und die Performance "free lutz!" in PHP nachprogrammiert und um eine Eingabemöglichkeit erweitert, die es dem Publikum erlaubt, den vorgegebenen Kafka-Wortschatz durch neue Adjektive und Substantive zu ersetzen.

1959 waren die Computertexte zweifach literarisch konnotiert. Einerseits durch den benutzten „Kafka“-Wortschatz, andererseits durch Korrekturen von Theo Lutz. Denn in einem von ihm redigierten Abdruck einer Auswahl der stochastischen Texte hatte Theo Lutz kleine grammatikalische Fehler und fehlende Satzzeichen von Hand korrigiert und somit, entgegen der Programmierung, als „traditioneller“ Autor agiert.
Dieses literarische (oder man könnte auch sagen dieses heftige Menscheln) bei diesen ersten computergenerierten Texten wird in der Performance 2-fach aufgegriffen. Einerseits durch eine literarische Inszenierung der entstehenden Computertexte durch einen Sprecher, der quasi live als menschliches Interface agiert.
Die 2. literarische Referenz ist die Mitautorschaft des Publikums. Die Anwesenden bei der Performance sind gebeten, an den bereitstehenden Computern mitzuschreiben.

So schreibt das Publikum mit dem Computer zusammen den Text, der von dem Sprecher bei der Aufführung von "free lutz!" performt wird.

Johannes Auer